Alltagslyrik

Genre

Für diese Form der Lyrik werden Subjektivität, Privates und Alltägliches zum zentralen Thema. Mit ihren Momentaufnahmen und Alltagsnotizen, ihrem Mut zu fast Banalem und Trivialem, dem erzählenden und lakonischen Plauderton knüpft diese Generation (siehe Vertreter) an eine Tradition an, die Tucholsky und Brecht mit einem Teil ihrer Werke begründet haben.

 

Verflüchtigt

 

Wie schnell

bist du entflohen

gibst dich mit

Billigangeboten

zufrieden

(der Preis abgekratzt,

damit keiner sieht,

wie du dich entwertest).

Und du nennst es

Lieben.

Mit einem Scheuertuch

bewaffnet

und wenig Reizen

wischt es sich gut

durch einsames Leben.

Fluchtwege

ab um Acht?

Verwegen!

Wie lange aber deine

Katzen noch

durch die Klappe

kriechen?

Vielleicht hast du

bei all dem Versiechen

nicht an sie gedacht.

Und nennst all das

Lieben.

Seit Jahren deinen

guten Geist

im Hopfen ertränkst,

das wenigstens ist mir

in Erinnerung geblieben.

Kein schönes Wort

ist mir übrig

schon längst.

Nicht mit dir das Leben

zu verlügen.

Das nenne ich

Lieben.

 

Versteckt

 

Vor 40 Jahren spielte ich Verstecken

und wartete aufgeregt, ob mich jemand findet.

Heute gehe ich durch dieselbe Welt,

die sich windet

unter denen, die suchen und suchen

nach Schwarz oder Weiß,

Lieben oder Hassen,

kalt oder heiß

und nie nach einem

Zwischendrin.

Vor 40 Jahren spielte ich Verstecken.

Da hatte es Sinn.

 

 

Jeder macht seins

Jeder macht seins

Wenn ich im Einkaufszentrum

durch die Regale schleiche

und kaum ein Lächeln

einfange

aber auch keins

mehr vergebe

dafür die Düfte

mich einhüllen

nach Dove und Nivea

oder Proletenparfüm

Jeder macht seins

Wenn ich an der Elbe

laufe

die Sportfreaks

auf zwei Rädern

mich aufzufangen suchen

(wie unsportlich!)

oder alternde Hausherren

das verdorrte Händchen

von Frauchen halten

über die Elbe hinweg

starrend

Unverzückt

(macht jeder seins)

und

auf angespülten

Baumstämmen

ein Mc-Donalds-Becher

thront

Es knirscht

unter meinen Stiefeln.

Jeder macht seins.

 

Geschäftlich

 

Ich treffe kaum noch Menschen.

Meinem Ungewussten

füge ich noch etwas hinzu:

Ob irgendwo jemand

über die Gleise wandert,

schon zerstückelt

das Herz

oder auf einem Felsen steht,

schon zersprungen

die Seele?

Wer will das wissen

in der Welt

der Ungetrösteten?

Mit den Toten macht sich

kein gutes Geschäft.