Alltagslyrik

Alltagslyrik (Genre)

Für diese Form der Lyrik werden Subjektivität, Privates und Alltägliches zum zentralen Thema. Mit ihren Momentaufnahmen und Alltagsnotizen, ihrem Mut zu fast Banalem und Trivialem, dem erzählenden und lakonischen Plauderton knüpft diese Generation (siehe Vertreter) an eine Tradition an, die Tucholsky und Brecht mit einem Teil ihrer Werke begründet haben.

Jeder macht seins

Jeder macht seins

Wenn ich im Einkaufszentrum

durch die Regale schleiche

und kaum ein Lächeln

einfange

aber auch keins

mehr vergebe

dafür die Düfte

mich einhüllen

nach Dove und Nivea

oder Proletenparfüm

Jeder macht seins

Wenn ich an der Elbe

laufe

die Sportfreaks

auf zwei Rädern

mich aufzufangen suchen

(wie unsportlich!)

oder alternde Hausherren

das verdorrte Händchen

von Frauchen halten

über die Elbe hinweg

starrend

Unverzückt

(macht jeder seins)

und

auf angespülten

Baumstämmen

ein Mc-Donalds-Becher

thront

Es knirscht

unter meinen Stiefeln.

Jeder macht seins.

Geschäftlich

 

Ich treffe kaum noch Menschen.

Meinem Ungewussten

füge ich noch etwas hinzu:

Ob irgendwo jemand

über die Gleise wandert,

schon zerstückelt

das Herz

oder auf einem Felsen steht,

schon zersprungen

die Seele?

Wer will das wissen

in der Welt

der Ungetrösteten?

Mit den Toten macht sich

kein gutes Geschäft.

 

 

Auf der Autobahn

 

Ich rase über die Autobahn

und denke über Langsamkeit nach.

Die schwermütigen Geräusche der Lastwagen

lasse ich hinter mir

wie meine eigenen,

(heute Morgen noch

zeitgemäß

in meinem Ohr).

 

An der Raststätte öffnen sich verhängnisvoll leise

die Türen von Reisebussen

und wie flügellahme Vögel

mit dem letzten Rest von Erinnerung an Freiheit,

schwirren überpflegte Damen an mir vorüber,

meiner Einmeterfünfundsiebzig ungeachtet,

mit knochigen Ellenbogen,

um das Objekt der Begierde zu erreichen:

wasserspülend und rauschend

(wie heute Morgen noch

zeitgemäß

in meinem Ohr).

 

Klirren Ohrgehänge der letzten Stadt,

wo sich die Türen der Reisebusse öffneten,

ein Juwelier im blauen Satin sie höflich hofierte,

drohend neben mir, rasselnder Atem von leergeküssten Lippen

verenden in meinem Haar,

Parfums mit der Schwere der Ambra und des Labdanum

zerbersten Desinfektionsmittel,

gerade von der Polin an der Toiletten-Rezeption versprüht,

Gesprochene, ungedachte Worte

schattieren die blauen Fliesen

Sepia.

 

Endlich entledigt ihrer überlebten Ängste gehe ich zur Kasse.

Koffein brauche ich.

Unbedingt. Um an der nächsten Raststätte zu halten.

Vier Ohrgehänge haben es vor mir dahin geschafft und

engelfarben saugen sie sich in meine Augen.

Deutsch-sparsam speien die Beschwörerinnen

ihr 0,50-Cent-Ticket aus,

der aus dem Eintrittsautomaten

vor den rauschenden Wasserspülern kam.

Sparen.

 

Was für ein feierlich europäisches Strahlen

auf geästeter Haut!

Ich vergaß – etwas Zucker für die lange Reise,

Gummibärchen vielleicht, reich an Beglückendem.

Doch da!

Kriechen Sie.

Das trock‘ne Haar mit Stielkamm auftouppiert,

zu den Ständen,

rot lackierte Fingernägel

an entwässerten Fingern

krallen sich erbarmungslos in kleinen,

großäugigen Kuscheltieren fest.

Für den Enkel, Mitbringsel.

12,99 Euro.

 

Und Zähne klappern aufeinander

wie die von nervösen Hunden

im Wartezimmer des Tierarztes.

Schrilles Kreischen. 400 Hertz.

(Wie heute Morgen noch

Zeitgemäß

in meinem Ohr.)

Ich rase weiter über die Autobahn

und denke über Langsamkeit nach.