Leseproben

Martina war gestorben. Ihr Kolibri, den sie nicht fliegen lassen wollte. Diese unglaublich lebenslustige, blondgelockte und liebevolle Frau, ihr mutiger und zarter Engel Martina. Doch damit nicht genug.

Silke verlor ihren Ehemann Harry, der an einem Herzinfarkt starb. Einfach so. Mitten in der Nacht. Und sie? Sie schlief. Als sie an einem Sonntagmorgen aufwachte und wie immer am Wochenende den Kaffee kochte, wollte sie Harry wecken. „Ey, du Langschläfer!“, rief sie fröhlich, als sie ins Schlafzimmer zurückkam. Er schlief immer noch. Glaubte sie. Doch die Stille, die sie umgab, war stiller als sonst. Etwas war anders, wirkte starr. Sie blieb stehen. ‚Ich gehe jetzt zu Harry, gebe ihm einen Kuss auf den Mund. Wie immer …‘, dachte sie, dieses aufsteigende Gefühl von kaltem Entsetzen missachtend. Und sie ging zu seinem Bett. Harry war so bleich. Wie eine Wachspuppe lag er dort, reglos. Sie bückte sich wie in Trance und dann schrie sie. Immer wieder schrie sie seinen Namen. Sie hatte es bereits begriffen. Schon als sie das Zimmer betrat. Es roch nach Tod. Sie war Witwe geworden. Einfach so. Über Nacht.

(…)

Das Haus der Schröders war entzückend eingerichtet. So viele Jahre wohnten sie nun schon nebeneinander und sie war noch nie in deren Haus gewesen. Als hätte Herr Schröder Silkes Gedanken gehört, flüsterte er ihr bei der Begrüßung zu: „Na, Frau Silke, jetzt wird es aber mal Zeit, dass Sie uns in unseren heiligen Hallen beehren, oder?“ Silke lachte. Herr Schröder war ein Gentleman, ganz alte Schule. Er rückte der „schönen Nachbarin“, wie er sie nannte, sogar den Stuhl zurecht. Etwas, was Silke gar nicht mehr kannte. Der Feminismus, so erklärte sie sich, sei etwas Wunderbares, wenn er nicht so maßlos übertrieben werden würde. Sie hasste diese Überfrauen, die behaupteten, es sei diskriminierend, wenn ein Mann einer Frau in den Mantel helfe, „als ob wir das nicht alleine könnten“. Sie behaupteten doch nicht etwa, „wir würden kleingehalten werden, wenn ein Mann uns die Tür aufhalte, „als beschränkt und minderbemittelt dargestellt“. Wie bitte? Silke machten diese Attitüden der Legosteinfrisuren wütend. Was sollte dieser Quatsch? Wir Frauen wollen Anerkennung und wir wollen, verdammt noch mal, auch mal verwöhnt und hofiert werden. Was war daran falsch?

In ihre Überlegungen hinein servierte Frau Schröder Knabbergebäck in einer wunderschönen, weißen Porzellanschüssel mit bemalten Rosen. Sie sah Silkes Blick. „Echtes Meißner, schauen Sie mal drunter. Aber erst, wenn die Schüssel leer ist, wenn ich bitten darf“, sagte sie und lachte über ihren eigenen Scherz am lautesten. Als Silke endlich einstimmte und das Lachen verstummte, fügte Frau Schröder hinzu: „Sie ist noch von meiner Mutter. Lange habe ich sie nicht benutzt, aus Angst, sie könne kaputt gehen. Aber jetzt, wo ich alt bin, will ich sie sehen und mich an meine Eltern erinnern dürfen.“ Sie lächelte traurig in sich hinein. Silke berührte sanft ihren Unterarm. Sie fühlte sich wohl in dem Wohnzimmer und es roch unglaublich frisch. Frau Schröder hatte Geschmack. Auf den zwei Anrichten standen nur wenige Schmuckstücke, dazwischen ein Strauß roter Rosen. Auf dem Echtholztisch vor der Couch stand ein Strauß weißer Rosen. Die Couch schmückten nur zwei riesige, rot-weiße Kissen. Eigentlich war das kaum ein Wohnzimmer alter Leute, es hätte durchaus zu ihrem Alter gepasst. Einzig die vergilbten Fotos in braunen Rahmen deuteten darauf hin, dass hier Menschen wohnten, deren Verwandte noch den Krieg erlebten. Sie unterhielten sich über viele Dinge, auch über Kunst und Kultur. Silke war erstaunt, wie gebildet die beiden waren. Als Herr Schröder von der Musik Chopins und Beethovens erzählte und Details beschrieb, klappte Silke die Kinnlade runter. „Ich habe sogar mal die Klaviersonate Nr. 1 gespielt. Es glaubt mir nur niemand“, meinte Herr Schröder. Silke sah ihn verdutzt an. „Er war mal Dozent an der Hochschule für Musik in Dresden“, erklärte Frau Schröder nun stolz. Jetzt war Silke alles klar. So hörte sie Herrn Schröder lange zu, der oft überlegen musste, was er schon erzählt hatte und was noch nicht. Frau Schröder hing an seinen Lippen, obwohl, das hätte Silke wetten können, sie das sicher schon so oft gehört hatte. ‚Ein so süßes Paar‘, dachte Silke, nicht ohne Wehmut. Nach über zwei Stunden verabschiedete sie sich, etwas erschöpft, aber glücklich. Die Schröders wurden im Laufe der Zeit zu lieben Vertrauten, ohne diese „Budenkriecherei“, die meist zu nichts Gutem führte. Vielleicht sollte es so sein, denn mit ihrer Mutter konnte sie nichts anfangen und ihr Vater …, der lebte auf seiner eigenen Insel und versiegelte seine Vergangenheit. Wahrscheinlich träumte er von Honecker und Egon Krenz oder Mielke oder sonst welchen alten, roten Socken.

Als sie zurück in ihr Haus ging und sie die gewohnte Stille empfing, kamen ihr die Tränen. ‚Verdammt. Diese Einsamkeit. Es ist nichts hier. Nur diese Lautlosigkeit, die mir einen erneuten Abend ohne die Augen eines anderen Menschen einbringt. Immer wieder‘, dachte sie und ließ sich auf ihre weiße Ledercouch fallen. Ihr Kater kroch von seiner Lieblingsdecke auf der anderen Seite der Couch zu ihr. Wieso ohne Augen? Hier waren Augen, Katzenaugen. Immerhin.

Auszug aus dem Manuskript

Über 40 wird‘s einfach

– nicht schwer

zum 1. Teil einer Trilogie, das bis Ende 2020 fertiggestellt wird.

Zimmer 101

Sie saß am Ende des Raumes, als er leise die Tür zum Zimmer 101 öffnete.  Regungslos sah sie aus dem Fenster 
hinaus.  Er folgte ihrem Blick.  Draußen stand eine Eiche mit ausladender Krone.

Die Krankenschwester von Station 2b hatte ihn vorgewarnt  Sie würde sich kaum noch bewegen.  Gesprochen 
hätte sie seit der Einlieferung kein einziges Wort.  Man hatte sie von der Neurologie in die Psychiatrie 
verlegt, als man feststellte, dass sie körperlich gesund sei.

Die freundliche Schwester mittleren Alters erklärte ihm, seine Mutter sei vor einem Kaufpark zusammengebrochen.  
Sie habe bewegungslos mitten auf dem Parkplatz gesessen, keine Fragen beantwortet und habe mit einem Tunnelblick 
erstarrt auf den Steinen gesessen.

Verlegen sah die Krankenschwester zu Boden, tätschelte kurz seinen Arm, beinahe so, als ob sie sich selbst 
beruhigen wollte und verschwand eilig im Schwesternzimmer.

Franz wollte diesen Beschreibungen nicht folgen und verdrängte die Bilder, die sich in seinem Kopf zu 
manifestieren suchten.

Zögerlich drückte er die Klinke zum Zimmer 101 nach unten und betrat das schlichte Zimmer.

Er sah sie. Das lange, schwarze Haar der Mutter fiel über die Rückenlehne des Rollstuhles.  Warum saß 
sie in einem 
Rollstuhl?  Vorsichtig schloss Franz die Tür und bemerkte, dass er den Atem anhielt.  Bevor er weiter in 
das Zimmer trat, stieß er die angestaute Luft hörbar aus.  Die unheimliche Stille im Raum brach für einen kurzen 
Augenblick.

Seine Blicke schweiften durch das Zimmer.  Außer dem Bett, einem beigefarbenen Nachtschrank und Esstisch mit 
zwei Stühlen stand nichts in diesem kleinen Zimmer.

Mit weit aufgerissenen Augen, als hätte er Angst, sie geweckt zu haben, sah er wieder zu ihr.  Sie regte 
sich nicht.

An den weißen Wänden des Zimmers hingen Bilder, welche in bunten Farben gemalt waren.  Sie deuteten als 
einziges Zeichen  in dieser eintönigen Umgebung auf Lebendigkeit.  Sie erinnerten Franz an die bewundernswerten 
Bilder der Mutter.

Sie malte auf Leinwand, als sich das Leben noch vollkommen anfühlte. Zu einem anderen Zeitpunkt, an einem 
anderen Ort hätte er sich an deren Anblick erfreut.

Er hob einen Stuhl, der an dem kleinen runden Tisch stand und trug ihn neben ihren Rollstuhl.  Immer noch 
achtete er auf jede seiner Bewegungen, um keine Geräusche zu verursachen.  Es wäre fehl am Platz, diese lautlose 
Atmosphäre zu stören.  
Er fühlte sich gerade wie ein Eindringling in eine Welt der bedrückenden Starre.

Als er neben ihr saß, sah er in ihr Gesicht.

Mutter war noch immer wunderschön.  Ihr Gesicht erinnerte ihn an das der Puppe, die er seiner kleinen 
Tochter zum letzten  Geburtstag schenkte. Sie wünschte sich unbedingt eine dunkelhaarige Puppe.Sie soll solche Haare haben wie die Oma Birgit”, erklärte sie ihren Eltern in einem Ton, der offensichtlich 
jeglichen Widerspruch im Vorfeld unterbinden sollte.

Die unverkennbaren, mandelförmigen Augen in dem Braun der Haselnuss, die außergewöhnliche Tiefe in ihrem 
Blick oder später die leichten Züge der Bitterkeit in den Mundwinkeln, die oft in ihrem Lächeln verhüllt waren.

Ihr Gesicht war für ihn wie ein offenes Buch. Jede ihrer Stimmungen konnte Franz in ihm ablesen.

Doch jetzt nicht. In diesem Zimmer atmete er die abgewohnte Luft ein. Warum öffnete ihr niemand das 
Fenster?

Seine Gedanken gingen auf Reise. 

Aus „Zimmer 101“ – Erzählungen und Kurzgeschichten aus dem Leben

«Ab 40 wird’s eng» – erschienen im März 2019

(Bitte unter «Aktuell» und «Prosa» die Hinweise zur Veröffentlichung und Leseproben beachten!)