Leseproben

Aus

dem demnächst beim Bookspot Verlag erscheinenden Roman: „Ab 40 wird’s einfach nicht schwer“ – I. Teil der Trilogie, einer modernen Familiensaga mit Herz und Humor.

Für Leser*innen meines Debütromanes „Ab 40 wird’s eng“, 2019 bei BC Publications GmbH erschienen, wird die Trilogie eine Fortsetzung, für Neueinsteiger*innen ein Beginn sein!

5. Kapitel

Seltsame Überraschungen

Chef senior hatte Urlaub. Dafür hampelte der Junior wie ein Aufziehmännchen durch das Büro. Ganz so junior sah er zudem nicht mehr aus, wie er vorzugeben versuchte. Die Überproduktion seiner Schweißdrüsen war offenbar ein Gendefekt. Als Silke direkt vor ihm stand und er sie fragte, ob sie den Beschluss des Amtsgerichts zur letzten Klage der Schüsslers für den Versand bereit hätte, stieg ihr ein beißender Geruch in die Nase. Vor ihrem inneren Auge erschien das fatale Versäumnis des vergangenen Sommers, als sie vergessen hatte, einen Rest Gulasch zu entsorgen, bevor sie für zwei Wochen in den Urlaub fuhr. Bei der Rückkehr war der Gestank in ihrer Küche betäubend gewesen. Und genau solche Partikel wehten ihr nun vom Juniorchef entgegen. Vielleicht erhöhte der Ärger über die Familie Schüssler seine Schweißproduktion. Diese Familie hatte es sich zum Hobby gemacht, vor Gericht zu klagen – und sei es um die abgebrochene Nase eines Gartenzwergs. Der Gedanke: ‚Bei jedem Atemzug, den ich mache, stirbt ein Mensch‘, traf hier wohl zu. Ob die Stuten-Martha ihn noch küsste? Silke schüttelte sich. Ist Ihnen kalt?“, fragte der Junior, fast schon besorgt, und wieder erreichte sie der Müllkippenwind. Indes kam die liebe Martha hereingeeilt. Sie rauschte an ihrem Angetrauten vorbei und beachtete ihn nicht im Geringsten. Martha, schön, dass du da bist“, hörte sie in tadelndem Ton den ehemaligen Heißsporn rufen. Nun war sie gespannt. Könntest du so nett sein und mir einen Kaffee bringen?“ Gerade wollte sie schnurstracks in Richtung ihres Arbeitsplatzes gehen, da drehte sich Martha abrupt um. Natürlich, gern!“ Das sprach sie in dem Tonfall von „Du Arsch!“ aus. Ihre Augen funkelten. Als sie an Silke vorbei auf die Küche zusteuerte, hörte sie Martha wütend zischen: Zu Hause fragst du nicht so freundlich!“ Aha, da lag der Hase im Pfeffer. Zu gern wollte Silke wissen, wer oder was noch im Pfeffer lag. Sie wartete eine Minute, um dann aufzustehen und gemächlichen Schrittes die Küche aufzusuchen, die sich nur zwei Meter von ihrem Arbeitsplatz entfernt befand. Martha hatte da etwas im Blick, was sie stutzig machte. Das war nicht nur ein kleiner Ehestreit, nicht nur eine kleine Wut. Da war mehr. Oder alles? Unauffällig ging sie auf die Küche zu und lehnte sich an den Türrahmen. Marthas aggressive Stimmung war im Raum beinahe greifbar. Sie faltete hektisch den Kaffeefilter, der Silke beinahe leidtat und schüttete einen Großteil Wasser nicht in den dafür vorgesehenen Behälter, sondern daneben, fluchte, wischte das vergossene Wasser mit fahrigen Bewegungen weg und – weinte. Langsam, warte, ich helfe dir“, sagte Silke leise. Martha drehte sich erschrocken um. Sie war so mit ihrer Wut beschäftigt gewesen, dass sie Silke nicht bemerkt hatte. Geht schon!“ Martha schniefte. Nein, es geht eben nicht. Ich mache den Kaffee für deinen Mann.“ Silke nahm einen Stuhl vom Küchentisch, stellte ihn verkehrt herum in die Küche und schloss die Tür. Komm. Setz dich bitte. Mach mal eine Pause und atme tief durch. Das hilft manchmal.“ Martha blinzelte sie erstaunt aber dankbar an. Zwischen ihren Wimpern glitzerten Tränen. Betont ruhig setzte Silke die Kaffeemaschine in Gang. Dann holte sie zwei ihrer Lieblingsjoghurts aus dem Kühlschrank und reichte Martha einen davon, setzte sich neben sie und gab ihr einen Löffel. Martha lächelte. Ein gutes Zeichen! Manchmal muss man einfach etwas essen, oder?“ Silke legte der verzweifelten Frau kurz die Hand auf die Schulter. Ja, wie dir sicher nicht entgangen ist, tu ich das oft; mich mit Essen trösten.“ Silke dachte: ‚Du wolltest Müllkippen-Junior doch unbedingt haben …‘, aber sie verkniff es sich, etwas zu sagen. Martha tat ihr leid. Und dann, als hätte die Frau Silkes Gedanken gehört, sprudelte es aus ihr heraus: Ich wollte den Sohn vom Stinkerwilli ja unbedingt haben. In den Arsch beißen könnte ich mich dafür, der ja jetzt genug Platz für die Bisse einer ganzen Nation hat!“

Sie lachte ein verzweifeltes Lachen, um gleich danach wieder in Tränen auszubrechen.(…) Ich weiß nicht, ob das gut ist, mit dir darüber zu sprechen. Immerhin ist er dein Chef“, gab sie zu bedenken. Martha, kennst du mich inzwischen ein bisschen?“ Sie nickte und es flossen neue Tränen. Am Anfang war er nett, ungefähr das erste Jahr. Dann ging er in den Puff und sah sich heimlich Pornos an. Okay, dachte ich, damit müssen andere Frauen auch leben.“ Mussten sie das? Silke zweifelte daran. Vielleicht gab es doch noch Männer, die sich mit einer Frau zufriedengaben? Egal, sie wollte alles wissen. Es wurde gerade richtig interessant. Dann aber“, Martha stockte kurz, „… begann er, immer mehr von mir zu verlangen. Nicht nur im Bett, auch im Haushalt. Er macht inzwischen gar nichts mehr. Ich rotiere, vor allem, seit unser Sohn geboren ist. Der Herr geht nur noch shoppen oder herumhuren. Er beleidigt mich zu Hause, jagt mich durch die Gegend, erteilt Befehle. Er ist ein Arsch, der größte, den ich kenne.“ Pause. Außer meinen.“ Silke wollte nicht lachen, nein, auf keinen Fall! Nicht lachen! Aber als Martha sie durch ihre tränenverschleierten Augen verschmitzt ansah und sie regelrecht aufforderte, genau das zu tun, gab es keinen Halt mehr.

Aus:

6. Kapitel

Schröders Geschichten

Wer nie gegen

tobenden Sturm läuft,

wird auch von der Windstille nichts erfahren.“

Lydia Schröder

Die Lider gesenkt und die Hand an ihrem Glas, sagte die alte Dame:

Unser ganzer Lebensweg ist mit Entscheidungen gepflastert. Oft haben wir Angst, die falsche zu treffen und dann mit den Konsequenzen leben zu müssen. Wir haben so viele Gedanken, was alles schiefgehen könnte, dass wir uns davor fürchten. Und je älter man wird, desto schwerer wird es, sich zu entscheiden. Ich möchte Ihnen etwas erzählen, Silke, eine kleine Geschichte. Es war an einem Sonntagmorgen, ich war erst 50 Jahre alt und hatte meinen zweiten Sohn verloren. Wussten Sie das?“

Silke schluckte schwer. Das wusste sie nicht. Frau Schröder hatte ihren Sohn verloren? Das war schlimmer, als den Ehemann zu verlieren. Ein Kind sollte niemals vor den Eltern gehen. Ihre Augen wurden feucht. Doch sie wollte die Geschichte hören und schüttelte nur mit dem Kopf. Frau Schröder lächelte wieder ihr weises Lächeln, dieses besondere.

Unser Sohn litt an einem Aneurysma, einer gefährlichen Gefäßerkrankung, die vorher nicht erkannt worden war. Ich befand mich lange in einer Art Schockstarre, funktionierte wie eine Maschine, ging weiter arbeiten in die Praxis, hörte mir das Leid fremder Menschen an und fühlte mich leer. Das Begreifen setzte erst nach und nach ein. Aber unser Leben änderte sich viel schneller. Manche Freunde wandten sich von uns ab. Einst gute Bekannte wechselten die Straßenseite, wenn sie uns sahen. Es war schlimm. In dieser Zeit habe ich viel über Menschen gelernt. Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst und musste mich entscheiden. Wollte ich mich im Schmerz vergraben oder weiterleben?

An einem Morgen, als alles im Dorf noch schlief, umgab mich eine wunderbare Ruhe. Ich atmete die kühle Morgenluft tief ein und streckte mich. Endlich konnte ich mich langsam in Bewegung setzen und wieder einmal spazieren gehen. Ich entschloss mich, einen anderen Weg als den mir gewohnten zu nehmen. Es verging eine Stunde, ehe ich einen verlassenen Bauernhof entdeckte. Ich liebte diese verlassenen Häuser, die mir Geschichten erzählen konnten, die meine Phantasie lebendig werden ließen. Aber diesmal war es nicht das alte Gemäuer oder die ziemlich graue, melancholisch wirkende Umgebung.

Irgendetwas schimmerte in meinen Augenwinkeln, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Und da sah ich sie, eine gelbe Rose. Sie stand einsam zwischen vertrocknetem Gestrüpp, alten verdorrten Apfelbäumen. Es sah so aus, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie leben oder sterben wollte. Ihre Blüten glänzten beinahe schüchtern, doch ihre Blätter hingen trostlos welk an ihr herab. Ich bückte mich, nahm ein Häufchen Erde in meine Hand und rieb sie zwischen meinen Fingern. Sie war vertrocknet. Der Mutterboden bot der gelben Rose keinen Nährstoff mehr. Vor dieser Rose blieb ich lange stehen, betrachtete das vergängliche Leben in ihr. Wie sah sie einst aus? Wer pflegte und hegte sie früher? Wer erfreute sich einst ihrer Schönheit? Vorsichtig sah ich mich um. Pflückte ich die Rose, erginge es ihr dann besser als hier auf diesem elenden Boden, auf verwahrlostem Grund? Oder raubte ich ihr damit die Freiheit, die Luft zum Atmen? Wie würde sie sich fühlen, abgebrochen in einem Wasserglas? Wie lange könnte sie noch bewundert werden, bevor ihr Leben für immer verginge? Oder würde sie lieber allein verwelken an einem ihr vertrauten Ort?

Eilig drehte ich mich um und lief weiter, ohne zurückzublicken. Es fiel mir schwer, mich zu entscheiden. Nach einer ruhelosen Nacht erwachte ich sehr früh. Der Tau schien die Gräser wie einen Mantel zu bedecken. Die Katze des Nachbarn saß aufmerksam auf dem Mauersims vor unserem Haus und bewegte sich nicht. So stand ich am Fenster, knabberte an einem trockenen Brötchen und bewunderte das Morgenbild. An anderen Tagen hätte mich dieses Bild so fasziniert, dass ich mich nicht freiwillig davon losgerissen hätte wollen. Doch mich erfasste eine seltsame, aufwühlende Unruhe. Immer wieder sah ich die Rose vor meinem geistigen Auge, die in meinem Traum als einsame, traurige Fee weinend im Schmutz kniete. ‚Alle sind gegangen‘, hauchte sie mir zu. Mit diesen Worten der Fee schreckte ich aus dem Schlaf auf. Was sie wohl meinte?

Hastig kleidete ich mich an und lief zu dem alten Bauernhof. Ich suchte die gelbe Rose, wusste ich doch genau, wo sie stand. Einen Augenblick lang zweifelte ich an meiner Vernunft. War denn alles nur ein Traum gewesen? Doch als ich genauer hinsah, erinnerte ich mich; hier hatte sie gestanden, die gelbe Rose. Zwei zart-gelb schimmernde Blütenblätter hingen zwischen den Grashalmen, die ein Hauch des Windes umschmeichelte. Jemand hatte die gelbe Rose gepflückt. Jemand, der sich entscheiden konnte.“ Tränen. Sie waren das Einzigen, was Silke an diesem Abend blieb. Sie stand auf, hockte sich zwischen die Stühle der zwei alten Leute und legte ihre Arme um sie. Herr Schröder weinte bitterlich und lächelte dazu.

An diesem Abend konnte Silke kaum Ruhe finden. Frau Schröder war eine überaus faszinierende Frau; weise, freundlich, mütterlich, liebevoll. Sie hatte in manchen Minuten die Ausstrahlung eines jungen Mädchens, im nächsten Moment konnte man die Lebensspuren und den Charme alter Menschen an ihr erkennen. Ich will auch mal so sein wie sie.“

Mit diesem Gedanken kuschelte sie sich in ihre Decke und schlief ein.

Aus

7. Kapitel

Die Ü40-Party und Reini kehrt ein

Ihr benehmt euch gerade schwer spätpubertär!“

Sandra

Darf ich Sie um diesen Tanz bitten?“, fragte eine nicht gerade tiefe Männerstimme neben ihr und Silke blickte erschrocken auf. Jetzt war der Augenblick gekommen. Egal, wen er meinte: Sie war alt. So was sagten früher die alten Leute oder heute noch bei vornehmen Gesellschaftstänzen, doch nicht hier in dieser billigen Absteige! Mit diesen Gedanken drehte sich Silke zur Seite und sah den Sprecher. Er schaute sie an, sie. Anett und Sandra schienen jetzt beide die Luft anzuhalten. Zum Glück lief gerade der Song People are People von Depeche Mode, denn zuvor leierte gerade Trio sein unerträgliches Da, da, da herunter. Ein Song für Intelligenzallergiker. Wie das jemals jemand gut finden konnte, würde für sie ewig unergründlich bleiben. So blöd war man doch nicht mal in den 80ern, oder? Jetzt wurde es aber Zeit, ehe die People auch noch aussingen würden. Sie nickte, stand auf und ging mit dem Herrn auf die Tanzfläche. Kaum dort angekommen, stürmten nacheinander vier weitere Pärchen herbei. Der Mensch war eben ein Herdentier. Zumindest daran hatte sich im Zeitenlauf nichts geändert, wie beruhigend! Endlich konnte sie ihren Tanzpartner mustern. Eine Augenweide gegen die anderen hier! Warum hatte sie ihn bis dahin noch nicht bemerkt? Er kam ihr näher und schrie ihr ins Ohr: Cooler Song, was?“ Danach lachte er kurz und grinste wie ein Honigkuchenpferd.

(…)

Die Gläser über die hinter ihnen Wartenden Köpfe balancierend, traten sie in den überfüllten Gastraum. Inzwischen waren fast alle aufgeweckt unterwegs. Nur an manchen Tischen sahen vor allem einige Herren der Schöpfung aus, als wollten sie jeden Augenblick zur Seite kippen. Aber auch manche Frauen machten keine gute Figur mehr. Es stank nach mit Schweiß vermischten Parfums aller Art. Und dazu lief wieder ein passendes Lied. Das schienen die sich heute auf die Fahne geschrieben zu haben. Jenseits von Eden – das war es auch. In dem ganzen Getümmel sah sie das Grillhähnchen betrunken auf der Tanzfläche taumeln. Wie peinlich. Ihre Spargelbeinchen gehorchten ihr nicht mehr und flogen umher wie die einer defekten Marionette. Das Haar hing an einer Seite herunter und das Make-up quoll auf ihren Wangen mit der Akne um die Wette. Daneben ihre Freundin, die den Fußboden mit Bewegungen attackierte, die an einen irischen Volkstanz erinnerten – nur das diese anschaulicher waren. Silke wandte sich angewidert ab. ‚Nie wieder gehe ich in so einen Laden der Vitalitätsschwankungen!‘, schwor sie sich. Reini folgte ihrem Blick und schüttelte den Kopf.

Wirklich traurig … viel mehr beschämend. Wollen wir bisschen an die Luft gehen? Hier ist es so stickig, ha, ha, ha“, ballerte er wieder im Eilzugtempo raus, als hätte er ihre Gedanken erraten und fügte dem Satz sein drolliges Auflachen hinzu. Ja, unbedingt, da kann ich gleich eine rauchen!“ Musste das sein? Wenn der Mann nun einer der penetranten Nikotinhasser war? Du rauchst?“ Diesmal kein Lachen. Da war es schon. Mist. Ab und zu nur.“ Er nickte. Keine Moralpredigt, keine hohlen Phrasen. Schwein gehabt. 23.00 Uhr!, bemerkte Silke mit einem Blick auf ihr Handgelenk. Die Zeit war wie im Fluge vergangen. Fast hatte sie den Abend überstanden. Obwohl – jetzt schien er doch noch nett zu werden. Vor der Tür tummelten sich die Fluchtwilligen und Rauschsüchtigen. Sie nahm sich eine Zigarette aus der Handtasche und zündete sie an. Den Rauch genüsslich ausblasend, plapperte Reini los. Ich freue mich echt, dass wir uns hier kennengelernt haben. Normalerweise gehe ich gerne weg, fast jedes Wochenende unternehme ich was … Ich bin nicht der Stubenhocker … Das kann ich noch machen, wenn ich 80 bin. Ich will noch was erleben und höre total gern Musik, auch die aktuelle … man ist ja mit bald 60, noch kein Opa. Wenn ich manche in meinem Alter sehe, da bin ich entsetzt. Die tun so, als ob sie scheintot wären. Nein, das brauche ich nicht … auf keinen Fall …“

Dff, dff, dff, dff, dff, wie ein Gewehr. Wieder sein kurzes Lachen. Was hatte er gesagt? Silke betätigte in ihrem Kopf die Rücklauftaste, drückte Pause, spielte wieder ab. Aha. Gut. Jetzt konnte sie resümieren. Reini, sei so lieb und sprich etwas langsamer. Oder fürchtest du, ich würde gehen, bevor du alles gesagt hast?“ Oh Mann! Warum musste sie immer so schrecklich direkt sein? Anett hatte recht. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah ihm in die Augen. Nichts Schlimmes geschah. Reini lachte. Er war offenbar eine Frohnatur. Ja, ja, ich weiß, dass ich schnell rede. Bei meiner Tochter muss ich immer Zungenbrecher wie ‚Fischers Fritze fischt frische Fische‘ sprechen, damit ich langsamer rede. Sie meinte, im Internet gelesen zu haben, dass Zungenbrecher Schnellrednern helfen würden.“ Und wieder lachte der Mann. Silke sah ihn ungläubig an. Er hatte Humor und vor allem lachte er über sich selbst. Nicht schlecht. Für den Anfang. Kluge Tochter!“, meinte Silke und das kam aus vollem Herzen. Wie alt ist sie denn?“ Reini steckte die Hände in seine Hosentaschen und grinste. Sie ist 25 und nicht nur klug, sondern auch sehr hübsch.“ Er griff in einer Gesäßtasche nach seiner Brieftasche und zog ein Foto heraus. Wie in alten Zeiten. Andere nahmen das Smartphone in die Hand und öffneten die Fotos in der Galerie. Wer hatte heute noch ein Foto in der Brieftasche? Sie sah ein ausnehmend schönes Mädchen mit dunklem Haar und zarten Gesichtszügen. Wow! Sie ist wirklich sehr hübsch. Ich gratuliere dir zu solch einer Tochter.“ Das Kompliment saß. Der stolze Papa grinste von einem Ohr zum anderen. Und du? Hast du auch Kinder?“ Jetzt war es soweit, man begann mit seinem Lebenslauf. Ja, fünf“, entgegnete Silke, „eigentlich wollte ich 11, hat nicht geklappt.“ Reini riss stumm die Augen auf. Bei ihm war das sicherlich kein gutes Zeichen. Dann lachte er sein putziges, kurzes Lachen. Da er danach immer noch aussah, als wäre er verblüfft, klärte sie ihn auf: Das war ein Witz. Ich habe nur einen Sohn.“ Reini lachte wieder. Gott sei Dank!

(…)

Sie ging in das WC daneben, schloss die Tür und horchte an der Wand zur Nachbartoilette. Es schniefte und klang nach unterdrückten Schluchzern. Anett?“ Ruhe. Dann ein lauteres Schniefen. Anett?“, wiederholte sie. Ja“, kam es zaghaft aus der Kabine. Was ist los? Ich suche dich schon eine Weile und habe mir Sorgen gemacht!“ Anett weinte immer mehr und lauter. Ich komme rüber, mach die Tür auf, verdammt noch mal!“ Der Türschließer drehte sich von innen. Als Silke die Kabine betrat, traf sie fast der Schlag. Sie stutzte, erstarrte und glotzte regelrecht auf Anett. Nicht nur, dass deren Mascara jetzt über das ganze Gesicht verteilt war, was auf dem verweinten Gesicht gruselig aussah, sie hatte auch noch ihr Kleid ausgezogen und saß in einer viel zu engen Strumpfhose und in BH auf dem geschlossenen WC. Silkes Blick wanderte nun genauer zu dem Kleid, auf dem noch ein anderes Kleidungsstück lag. Ein Bauchweggürtel? Ein Korsett? Was war das? Warum, zum Henker …? Ich kann das nicht mehr anziehen. Mir ist so schlecht“, schluchzte Anett. Ich musste mich im Saal bücken, weil mir etwas runtergefallen war und als ich … als ich … da platzte hinten das Kleid auf.“ Ihr Weinen wurde lauter und hysterisch. Bitte, Anett, beruhige dich, ganz langsam, bitte!“ Sie nickte. Hinter mir standen die drei aufgedonnerten Frauen vom Nebentisch. Die fingen so laut an zu lachen, dass alle, die in der Nähe waren, alles mitbekamen und sich hinter mich drängelten. Ich konnte mich gar nicht so schnell umdrehen und wenigstens versuchen, den großen Riss am Po zu verbergen!“ Und wieder wurde das Weinen zum Schreien. Und dann? Was dann, Anett?“ Sie schüttelte den Kopf. Alle standen hinter mir und lachten, aufgestachelt von den drei Frauen. Es war furchtbar! Ich habe mich so geschämt. Ich bin selbst schuld, ich dumme Pute. Da ziehe ich ein viel zu enges Kleid an, kann deshalb den ganzen Abend keinen Spaß haben und mache mich so zum Affen, dass ich das nie, nie vergessen werde! Die Weiber haben mich vor den anderen noch so richtig zur Sau gemacht, selbst als die genug gesehen hatten, hörten sie nicht auf und zeigten auf mich!“ Anett kreischte förmlich. Das reichte. Du bleibst hier! Und du schließt nach mir ab und verhältst dich ruhig. Klar?“

Die Frau brauchte jetzt klare Anweisungen, das stand fest.

8. Kapitel

Die Nachwehen

Aber die trug komische Alternativklamotten, solche Säcke aus Leinen, das war ja gar nichts für mich, ha, ha, ha.“

Reini

Wollen wir reingehen … habe extra vorher angerufen … ist doch immer voll hier … da ist es besser, man bestellt vor … ha, ha, ha“, tönte er und öffnete Silke die Tür. Das konnte was werden. Hoffentlich gewöhnte sie sich an dieses ulkige Sprechen und Lachen am Ende jeden Satzes. „Ich habe heute angerufen und zwei Plätze bestellt“, sagte Reini auf Nachfrage des edel gekleideten Kellners und nannte seinen Nachnamen. Ohne Lachen! Der Kellner führte sie an einen kuscheligen Platz am hinteren Ende des Cafés. Der Platz war perfekt. Reini schob ihr den Stuhl zurecht. Old School, auch perfekt. Sie bestellte einen Kaffee und er einen Cappuccino. Ich vertrage nicht so viel Kaffee, trinke nur früh zum Munterwerden eine Tasse und dann nicht mehr“, und er lachte. ‚Ich nicht‘, dachte Silke. „Wenn du nicht deine sechs Tassen Kaffee am Tag bekommst, müssen deine Mitmenschen aufpassen, nicht auf deine schwarze Liste zu geraten“, so neckte ihr Sohn sie vor einigen Jahren. Aber Reini fragte sie nicht nach ihrem Suchtmittelkonsum und sie schwieg. Ist schön hier, oder?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, plapperte er weiter: Ich war schon paar Mal hier, auch mit meiner Tochter und mit einem Freund … ein paar Mal sogar alleine. Ich gehe gerne weg, hocke nicht so gern zu Hause am Wochenende … irgendwas mache ich immer … ich muss einfach raus … sonst würde ich verrückt werden … das muss einfach sein … gehe total gerne in die Disko und tanze … manchmal gehe ich sogar alleine ins Kino oder ich gehe essen … sehe mir was an oder fahre mit dem Auto herum, bis ich was finde, was mir gefällt … da steige ich aus und laufe bisschen herum … was machst du so an deinen Wochenenden? Ha, ha, ha.“ Atme, Reini, atme!‘, sprach Silke in Gedanken und meinte auch sich. Sie bemerkte, wie sie die Luft anhielt, wenn Reini sprach. Hatte er sich nicht vergangene Nacht bereits als Vielunternehmender geoutet? Wenn das so weiter ging, musste sie an diesem Abend eine Beruhigungstablette nehmen. Ich gehe gern laufen, treffe mich mit Freundinnen oder lese, wenn mir danach ist.“ Das Interesse für Kunst ließ sie bewusst weg. Reini lachte sein putziges Lachen. Du liest? Ach so … nein, das ist mir gar nichts … ich kann mich nicht konzentrieren beim Lesen … ist mir zu langweilig … aber Fußball sehe ich gern … bin Bayern München-Fan … ha, ha, ha.“ Ha, ha, ha. Genau. Er las nicht. Er war Fußballfan. Er litt unter Konzentrationsproblemen. Silkes Diagnose: ADHS. Ob er Ritalin nahm? (…)

Während Silke sinnierte, hörte sie Reini quasseln und quasseln. Das war, als ob jemand eine Kassette im Vorlaufmodus abspielte oder wie damals, bei den alten Kassettenrecordern, wenn sich das Band ineinander verhedderte. Was hatte er nun wieder gesagt? Aber es schien keine Rolle zu spielen, denn Reini lachte und nippte jetzt an dem Cappuccino. Wenigstens da sprach er nicht, wie schön. Er fragte sie etwas und wartete keine Antwort ab.

(…)

Wollen wir nächste Woche mal schön ausgehen? Dazu hätte ich wirklich Lust mit dir … mit so einer attraktiven Frau … vielleicht in die Disko? Ha, ha, ha.“ Silke lächelte ihn an. Hatte er etwas gesagt? Reini sah sie kurz verdutzt an und wiederholte seine Fragen. Disko? Um Himmels willen! Sie hasste Diskos, schon früher, als sie noch dahin ging, um erste Erfahrungen mit Jungs zu sammeln und der erste, der ihr gefiel, ihr mitteilte, dass sie zu dick sei. Bevor er sie zum Tanzen aufgefordert hatte, konnte er sie nur bis zur Schulter an der Bar sehen. Hast ja ein bildhübsches Gesicht“, sagte der große, schlanke Junge nach dem Lied. Aber die Figur, die geht gar nicht.“ Punkt. Wunder Punkt. Ganz wunder Punkt. Nachdem er wahrscheinlich erschrocken war, hatte er den einen Tanz tapfer durchgehalten, um sie dann mit der Wahrheit zu konfrontieren. Reini sah sie freundlich an. Ich mag ja Frauen, die sich richtig modern und chic kleiden. Manchmal habe ich ganz hübsche Frauen kennengelernt, ha, ha, ha. Eine von ihnen hatte wirklich ein niedliches Gesicht …“ (Sprach er von einer Katze?) Aber die trug komische Alternativklamotten, solche Säcke aus Leinen, das war ja gar nichts für mich, ha, ha, ha.“ Ist ja gut, du Macho!‘, grummelte Silke in sich hinein und sagte: Zur Disko werde ich nicht gehen.“ Ihr Ton und der Klang ihrer Stimme waren unmissverständlich – sogar für jemanden, der sie nicht kannte. Schade, aber na ja … vielleicht ein anderes Mal … ha, ha, ha“. Ganz sicher nicht! Oder wir machen was anderes. Samstag?“, fragte er unverblümt. Na gut, sie wollte ihn nicht schon jetzt vor den Kopf stoßen. Du, ich glaube, die letzte Nacht sitzt mir noch in den Knochen. Ich fahre jetzt nach Hause und leg mich mal aufs Ohr.“ Reini lachte. Na gut, ich habe ja die Hoffnung auf nächste Woche, ha, ha, ha.“

(…)

Wo wollen wir am besten hingehen? Worauf hast du Lust? Wollen wir spazieren gehen, ein Eis essen, Dampfer fahren oder was wollen wir machen? Also ich …“, plapperte er unaufhörlich weiter und dehnte seine Welt aus. Ich wäre gern mal wieder ins Grüne Gewölbe gegangen.“ Reini sah sie verdutzt an, fing sich jedoch rasch wieder und platzte ein „Wieso? Willst du was klauen?“ raus. Total witzig. Damit sie sich nicht weiter ärgerte, wollte sie ihn jetzt ein wenig foppen. Mal sehen, was er wusste, ob er sich für seine Stadt interessierte. Ach“, schwärmte sie und sah zur Hofkirche hinauf, „sie ist so schön!“ Reini folgte ihrem Blick, sah zu ihr, wieder zur Kirche. „Ha, ha, ha.“ Aha. Weiter ging es. Wusstest du, dass sie während der Luftangriffe auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 mehrmals von Sprengbomben getroffen worden ist? Dabei stürzten Dach und die Gewölbe im Innenbereich ein. Erst 1965 wurde der Wiederaufbau beendet.“ Sie sah ihn von der Seite an und lächelte betont versonnen. Nein, das wusste ich nicht, ha, ha, ha.“ Das war zwar gemein von ihr, aber, ein bisschen Zicke sein konnte nicht schaden. Ich bin zwar nicht so der Kunstfanatiker, aber bisschen Bildung kann ja nicht verkehrt sein, ha, ha, ha“, und dann plapperte er weiter. Über seine Tochter, die sich sehr für Kunst interessierte und ihn schon einige Male mitnehmen wollte; er sie aber dann doch überredete, etwas anderes zu machen, und, und, und. In dieser Zeit stiegen sie die Treppe zur Brühlschen Terrasse hinauf. Reinis Mund stand nur beim letzten Drittel des Aufstiegs still und sie hörte ihn keuchen. Ha, ha, ha. Sie genoss diese zwei Minuten, denn kaum bekam er wieder genug Luft, versuchte er es mit der nächsten Wortkanone. Bitte, lass uns doch mal einen Moment nichts sagen, Reini!“ Dabei blieb sie höflich. Ha, ha, ha, ja, machen wir.“ Sie trat an das Geländer, um die schöne Aussicht auf die Elbe und den herrlichen Blick zu genießen und atmete tief durch. Schon wollte sie in ihrer Begeisterung: Ist das nicht zauberhaft?“, rufen, als sie sich entschied, es lieber zu lassen. Denn das hätte Reini als Aufforderung für eine neue Redeattacke aufgefasst. Silke lehnte sich an das Geländer und blickte sich auf dem Balkon Europas um. Unweit von ihnen saß eine Frau alleine auf einer Bank, mit einem Buch in der einen und einem Kaffee in der anderen Hand. Die Glückliche! Kaum gedacht, wahrscheinlich war Reini schon am Platzen, weil seine Welt sich schon wieder füllte, schnatterte er los; diesmal so schnell wie noch nie zuvor. Oh! Da hatte sich etwas angestaut in den drei oder vier Minuten! Hach, ist das nicht schön hier … ich erinnere mich, dass ich doch mit meiner Tochter mal hier war … und ganz früher sogar mit meinem Sohn … der ist ja jetzt schon viel älter … na ja, viel reden wir nicht miteinander … aber ich bin ja froh, wenn wir uns wenigstens ab und zu hören und sehen … ist auch alles nicht so einfach … er lebte von Anfang an bei seiner Mutter … und die war nicht gerade angenehm … wollte den Umgang unseres Sohnes mit uns nicht so haben … war ja damals noch nicht so offen wie heute … wird mehr Rücksicht auf die Väter genommen … da beschweren sich ja manche Mütter darüber … die können heutzutage nicht einfach so ihr Kind dem Vater vorenthalten … aber damals … na ja, war eben so … ha, ha, ha … so ist das eben … alles hat man nicht im Leben … aber ich bin trotzdem zufrieden … man muss immer positiv denken … ha, ha, ha …“ Dff, dff, dff, das Feuer war eröffnet! Sie hatte das Gefühl, wenn er noch einen Satz sagte, würden seine Worte in ihrem Gesicht explodieren. Was sollte das im Grünen Gewölbe werden? Sie musste sich umentscheiden, lieber wollte sie mit einer Freundin bei Gelegenheit ihren Wunsch erfüllen. Reini, ich habe eine Idee.“ Er sah sie neugierig an. Raus damit, ich bin für alles zu haben, ha, ha, ha“. Das glaubte sie ihm auf‘s Wort.

Lass uns bei diesem schönen Wetter nicht unsere Zeit in einem Gewölbe, sondern lieber draußen verbringen. Was hältst du davon, wenn wir hier noch ein wenig schlendern und dann auf die Münzgasse in ein Café gehen?“ Wie ein kleines Kind zappelte er. Also doch ADHS. ‚In unseren Zeiten gab es ja solche Syndrome nicht. Wir waren ruhig und gelassen oder wir waren temperamentvoll und ausgelassen. Da gab es höchstens noch verhaltensauffällige Kinder, aber die mussten schon sehr auffällig sein. Wir waren einfach nur Kinder.‘ Sie schweifte wieder in ihren Gedanken ab und betrachtete ihn von der Seite, als sie an plastischen Elementen vorüber gingen und schließlich an die Büste für den Bildhauer Ernst Rietschel gelangten. Silke bestaunte sie, obwohl sie es schon oft gesehen hatte. Beeindruckend!“, entfuhr es ihr. Reini stand wie ein begossener Pudel daneben. Ich glaube, meine Tochter wüsste darüber alles, ha, ha, ha“, brabbelte er seine Unsicherheit weg. „Schau mal, da“, und sie zeigte auf die drei Reliefs. Diese Reliefs stellen die Geschichte, Poesie und Religion dar.“ Reini lächelte. Oh! Wie schön! Ha, ha, ha.“ Er kratzte sich am Kinn. Und was bedeuten die drei Figuren da?“, zeigte er sich interessiert. Immerhin. Die symbolisieren das Zeichnen, Modellieren und Meißeln. Spannend, oder?“ Eigentlich war das wieder dieses Necken, denn inzwischen war eins klar: Das war für Reini auf keinen Fall „spannend“. Aber siehe da! Reini begutachtete die Inschrift auf dem Denkmal, als wolle er einem Hund in die Schnauze schauen wollen. Auf der Stätte seines Schaffens“, las er laut vor. Das obligatorische „Ha, ha, ha“ fehlte schon zum zweiten Mal hintereinander. Silke musste überlegen und in ihren Erinnerungen aus dem Studium kramen. Sie hatte Geschichte immer besonders gemocht. Wie vergesslich man im Laufe der Jahre werden konnte! Dann fiel es ihr ein. Rietschel hatte sein Atelier im Brühlschen Gartenpavillon, der zuvor an dieser Stelle gestanden hatte.“ Reini nickte ernsthaft. Du weißt zu viel, du musst weg. Ha, ha, ha“, versuchte er zu witzeln. Okay. Aussichtslos. Lass uns jetzt zur Münzgasse laufen“, schlug sie vor. Gute Idee, ha, ha, ha.“ An diesem Abend würde sie Nerventee brauchen.

Auf der Münzgasse schlossen sie sich einer Menschenmenge an. Hier strömte pures Leben. Wie hatte ihr das gefehlt! So viele verschiedene Nationalitäten; edel Gekleidete oder Alternative, schräge Gestalten – eben bunt gemischtes Publikum. Bunter ging es nicht. Hier laufen Vögel rum“, plapperte Reini, als ihnen ein Mann entgegenkam, der auffiel. Seine Haare hatte er zu zwei, stark vom Kopf abstehenden Zöpfen geflochten, an den Seiten war er glattrasiert. Dazu abstehende Ohren und die Augen extrem geschminkt. Auf seinem Shirt stand: Mein Ex hat einen Kleinen.“ Und er trug einen Wickelrock, das war wirklich schräg, aber interessant. Reini sah ihm nach und schüttelte angewidert den Kopf. Jetzt reichte es ihr. Sag mal, du wohnst doch in Dresden, in einer Großstadt. Da musst du es doch gewohnt sein, auf allerlei Menschen zu treffen!“ Ihr Ton war etwas spitz. Na ja, schon, aber der ging ja gar nicht! Wie kann man sich so in der Öffentlichkeit zeigen? Ha, ha, ha.“ Sie schlängelte sich an der nächsten Gruppe vorbei und sagte trocken: Und wer bestimmt, was ‚geht‘ oder nicht?“ Er lachte nur. War der so blöd oder konnte er keine anständige Diskussion führen? Egal, Silke rollte mit den Augen und wünschte sich Sandra oder Anett, oder heute noch lieber ihre „Kunstfreundin“ Birgit herbei. Das hätte gut gepasst. Es zupfte sie jemand grob am Arm. Schon wollte sie den Arm wütend entziehen, da erkannte sie, dass Reini sie in ein Café zerren wollte. Das fehlte noch. Ein Mann zog sie am Arm! Sie riss sich los. Ich komme ja schon, mein Gott!“ Langsam wurde sie aggressiv und die einzige Chance, sich zu beruhigen, war jetzt Koffein. In Dresden trank man schließlich zum Nachmittag immer Kaffee. Eierschecke dazu wäre natürlich der Bringer. Sie hatten Glück, am Rande der Münzgasse wurden Plätze frei. Sie mochte zwar diese runden Holzgartentische und klapprigen Holzstühle nicht, aber man konnte glücklich sein, zwei Plätzchen ergattert zu haben. Ihre Füße schmerzten sie und noch mehr ihre Ohren. Es dauerte eine Weile, ehe der Kellner kam. Sie bestellten ihren Kaffee und zwei Stück, ja tatsächlich, Eierschecke. Darauf freute sie sich jetzt, während die Menschen dicht an dicht an ihr vorüber liefen. Und niemand von ihnen schien gestresst zu sein. Alle unterhielten sich, lachten, manche sangen sogar. ‚Dresden, ich liebe dich! Und diese Liebe endet nie!‘, sinnierte Silke pathetisch. Das war auch vorerst der letzte Gedanke, denn Reini hatte vor, sein Männerköpfchen leer zu quatschen. Achtung, fertig, los:

Also, hier ist ja was los … ha, ha, ha … heute ist wirklich extrem viel los … als ich mit meiner Tochter letztens da war, war wesentlich weniger los … aber meiner Tochter würde das hier gut gefallen … na ja, die jungen Leute stehen eben auf viel Leben … ich eigentlich auch … vielleicht, weil ich auf Arbeit oft alleine bin … deshalb freue ich mich, unter die Leute zu kommen … ha, ha, ha … und vor paar Wochen war ich zur Disko … da habe ich eine Frau kennengelernt … die war ganz süß … aber als wir uns unterhalten haben, da kam der Hammer … sie hatte Garten und Hund und Enkel … so was will ich nicht … da wüsste ich schon, was auf mich zukommen würde … so ein Heimchen … ha, ha, ha.“ Dff, dff, dff, dff, alle erschießen, und zwar mit Worten. Es gab ja Sachen, die sollte ein Mann bei den ersten Dates für sich behalten. Da erzählte Mann eben nicht, dass Mann eine andere Frau süß fand. Das war zwar etwas Normales, aber Frau wollte das nicht wissen. Und überhaupt: diese Überheblichkeit gegenüber Frauen mit Garten, Hund und Enkeln! Reini kontrollierte außerdem den Luftraum. Das ging gar nicht. ‚Stille und Ruhe wären sein sicherer Tod‘, diagnostizierte Silke gedanklich und nickte nur, während weitere Wortschwalle sich wie ein Platzregen über sie ergossen. Wenn er gerade erzählt hätte, sie in die Elbe werfen zu wollen, hätte sie genickt. Als sein Mund plötzlich für einen klitzekleinen Moment stillstand, erschrak sie regelrecht. Was? War sein Vokabular erschöpft? Mitnichten. Reini sah sich ihre Fingernägel an. Du hast ja schöne Fingernägel, sind die echt?“

Ja, natürlich! Es war ihr zu langweilig, sich stundenlang ins Nagelstudio zu setzen und ihre Hände einem fremden Menschen hinzuhalten wie ein Hund seine Pfötchen dem Herrchen. Es war ihr höchst unangenehm, wenn jemand an ihren Händen herumfummelte oder ein Mann sie küsste, womöglich seine Sabber hinterließ, wenn ein Hund sie ableckte oder sie Hühnchen mit den Fingern essen sollte. Und sie aß so gern Hühnchen! Früher hatte sie mit ihrem Vater ein Spiel gespielt. Wer zuerst mit dem Abknabbern der Hühnchenschenkel fertig gewesen war, hatte gewonnen. Mitten in ihre Gedanken platzte ein neues „Sturmgewehr“. Also ich mag Frauen, die ihre Fingernägel lackieren.“ Machte sie auch. Mit unauffälligem Glanznagellack oder einer Nude-Farbe. Ja, mache ich.“ Reini zog die Stirn zusammen, glättete sie wieder und schmetterte ihr entgegen: Na ja, ich mag so richtig roten Nagellack. Würdest du für mich mal solchen drauf machen?“ Was, heiße ich vielleicht Olga oder Ludmilla? Vielleicht noch knallroten Lippenstift? Hat der Herr noch einen Wunsch?‘, war Silke kurz vorm Platzen. Schmeckt dir der Kaffee …“ und schon wollte er weiter ballern. Da schrie sie: JA!“ Am Nebentisch drehten sich zwei Pärchen um und kicherten. Silke hörte, wie eine der beiden Frauen meinte: „Der würde mich auch wahnsinnig machen!“ und die anderen drei nickten lachend.Reini sah sie nur erschrocken an.

Ich möchte jetzt gehen“, fügte sie leiser, aber bestimmt hinzu. Und es wäre mir lieb, wenn wir das tun könnten, ohne dass du beim Reden durch die Haut atmest!“

Lesungen gibt es demnächst auch auf YouTube und im September zum Literaturfest in Meißen, Jahnaischer Hof (siehe demnächst unter „Termine“).