Prosa/Kurzgeschichten

Zeitgeflechte

Geliebter Narr,

Du hast mir geschrieben.

Viel Vergangenes hat Frostspuren in uns hinterlassen, auch in Deinem Leben.
Du würdest gern heilen, was mir in den Jahrzehnten geschah. Ich würde Dich gern auffangen und Dich auf meine immer noch bunte Wiese betten.

Das Vergangene, es war in unserem Frühling und in unserem Sommer. Wir heilen, wenn wir uns im Herbst und Winter ein wärmendes Nest bauen. Ich bewege mich mit Dir im Rhythmus der Dichtung und der Wortfinderei. Wie Kinder sitzen wir flüsternd im Baumgeäst unserer Träume. Liebe zieht still durch den Nebel hindurch.

Nicht nur jünger fühlt es sich gut und vollkommen. Vergangenes wird durch unsere Hände rieseln wie feiner Sand. Und dann ist da noch der Mond. Dort treffen wir uns, wenn die Zeit sich häutet.

Deine Lilie

Aus dem Manuskript «Zimmer 101»

Ein ungleiches Paar

An einem kleinen Bahnsteig im deutschen Süden saß ein ungleiches Paar. Zwei Männer, die irgendwie ein wenig wie übrig geblieben wirkten, wie lebensgroße Überbleibsel einer unbegrenzten Zeit.

Der kleine und dünne Alte hielt einen Regenschirm, umfasste ihn mit beiden Händen. Seine Stirn war in Falten gelegt, als trage er eine Last. Sein Bart war weiß und lang wie seine Augenbrauen und sein Blick war leer, als wäre er in einer endlosen Öde eingefroren . Er wirkte hilflos, unwandelbar und welk. Auf seltsame Weise hatten seine Augen etwas Sanftes, doch glaubensloses.

Dicht neben ihm saß ein Dicker mit riesigem Doppelkinn. In seinem runden Bauch lag wohl der Wohlstand oder das Bier und das Essen der Langeweile, der Eintönigkeit und Einsamkeit. Die wulstige Hand umschloss eine hölzerne Krücke. Ein listiger Schalk im Gesicht ließ mich anhalten, mich an einen Spitzbuben erinnern, der gerade einen Streich ausheckt. Unhinderlich war sein Gewicht, welches jähe Bewegungen unterband, für die Belichtung seines Gesichtes. So, als würden noch immer Träume auf seinen rosigen Wangen springen, ihm malerischen Glanz in seine blattgrünen Augen zaubern.

Ich wollte gern meine Gedanken weiter weben. Der dünne Mann könnte Witwer sein, in einem freudlosen, düsteren Heim wohnen, mit einem verwahrlosten Garten, der weder ein Danach noch ein Davor erkennen ließ. Der Dicke könnte der Mutter sehr lange erlegen gewesen sein und den Sprung in das Leben eines Mannes mit Bindungen durch Liebe versäumt haben.

Wie viele Geschichten tragen sie? Sind sie frei von Ängsten und Hoffen, frei von den Zwängen der Zeit, vielleicht nur auf das Vergehende wartend?

Vielleicht haben sie kein Leid, keine Fragen mehr. Vielleicht sind sie aus ihrem alten Leben herausgestürzt, um sich nicht der Bitterkeit des Gedächtnisses auszuliefern? So sitzen sie hier,
sehen die Züge kommen und fahren, lauschen dem Widerhall des Lebens nach und hängen ihre Blicke an Wege, die andere noch zu gehen wagten.

Vielleicht hatte nur mein Bild zu ungeduldige Fragen und skizzierte die Lebensmühen, umrandet von sinngerichteten Konturen.

Der eine breit wie ein Schrank, der andere dünn wie ein Pfahl. Ich hätte zu gern von ihnen erfahren, was ihr Leben ihnen lehrte, wie es sie stark oder schwach machte, wie es sie vergehen ließ, bis zu diesem Tag an einem Bahnsteig im Süden des Landes.

Mein Zug fuhr ein.

Ihre Blicke schaukelten sich im Wind. Ich hob meine Hand und winkte ihnen zaghaft. Der Dicke nickte mir unbeweglich zu. Der Dünne schloss seine Augen.

Ich fuhr hinein in den Weltenüberdruss.

Aus dem Manuskript «Zimmer 101»