Prosa

Die Schein-Heilige

Nachdem er wie versteinert zwei Stunden lang auf seiner Couch lag, strömt wieder ein wenig Leben durch seinen Körper. So wie das Begreifen, dass nichts mehr so sein wird wie vor diesen Tagen.

In seinen Augen schimmern keine Tränen mehr.  Weinen war ihm früher fremd. Doch nun brennen seine Augen wie glühende Kohlen; gegen seine Stirn scheinen kleine Monster zu nageln. Langsam richtet er sich auf und versucht, seinen Atem zu kontrollieren. Im Schneidersitz  starrt er auf die gegenüberliegende Holzwand. Die ist sein Werk. Sie mag Holz nicht und doch hatte er sich diesmal
durchgesetzt. Für ihn gibt es kein schöneres  Material, so natürlich und
voller Leben. Er ist mit Holz aufgewachsen. Ohne
den Geruch des Holzes würde er nicht leben können.
Es würde komisch
riechen, sagte sie. Bereits vor Stunden löschte
er das Licht. Ein sanfter Strahl der Laterne dringt
beinahe hilflos durch
das Fenster. Neben der Couch
steht eine leere Whiskyflasche. Unsanft stößt er mit dem Fuß gegen die Flasche und flucht.
Als er sie vor zwei Jahren kennenlernte, hatte er mit dem Trinken aufgehört.

Benommen steht er auf, bewegt sich taumelnd zur anderen Seite des Zimmers und bleibt stehen. Die rechte Hand führt er an den Kopf, der verdächtig dröhnt. Eigentlich hatte er beinahe vergessen, wie sich ein Kater anfühlt.
Wie ein schrecklich
unmelodisches Lied klingen ihre hohlen, tonlosen
Worte in ihm nach. Er empfindet ihre Vorstellungen wie bizarre
Schreckensgestalten. Nein, sie hatte kein Erbarmen,
als sie ihm sagte, er sei für sie «zu einfach gestrickt».  Sie würde
mehr vom Leben erwarten als Wanderungen, Holz und Höhlenforschung. Sie wolle einen Mann mit Erfolg, einen, der glänzt. Sie wolle einen Mann, der sich mit ihr auf Augenhöhe unterhalten könne. Doch er weiß nichts über Immobilien, nichts über die Börse. Er kommt aus einfachem Hause. Sein Vater, ein Tischlermeister, brachte ihm alles bei, was er über das Leben wissen musste. Seine Kindheit verlief ohne Mutter nicht leicht, aber sein Vater war ein guter, fleißiger
Mann.

Jetzt hat er kein Erbarmen mit ihr, mit sich nicht und der ganzen Welt. Er fühlt nur diese fade Wehmut. Seine Seele scheint sich zu winden. Als ob er taumelnd vor einer Schlucht stünde, sucht er Halt am Stuhl.
Seine Beine zittern.
Vorsichtig lässt er sich auf dem Stuhl nieder.
Seine Finger furchen durch das Haar, wie von fremder Hand gesteuert. Und
doch sieht sie aus wie eine Heilige, wie in Stein
gemeißelt. Ihre Schönheit ist so auffällig, dass er sich immer fragte,
ob sie real sei. Sie ist eine Frau mit Charme, intelligent und witzig. Sie weiß, wie sie andere Menschen ganz und gar für sich einnehmen kann. So auch ihn: Ihr sonores «Mach dies, bring das», hallt in ihm nach, wie die Durchsagen aus einem Lautsprecher in einer Bahnhofshalle. Natürlich machte er alles, was sie wollte. Jetzt erinnert er sich an ihr Auftreten, als sie gemeinsam auf Partys ihrer wohlhabenden Freunde  gingen. Mondän bewegte sie sich in diesen Gesellschaften, wusste sich  auszudrücken. Oft stand er allein, da sie sich  gerne amüsierte und mit den «glänzenden» Männern flirtete. Er hatte es  toleriert und noch geglaubt, sie würde zu ihm  gehören. Er liebte sie. Sie war seine Prinzessin.

Vor Tagen gingen sie wieder auf eine dieser Partys.
Neben ihm stand eine viel zu dünne Frau um die Vierzig. Sie stocherte
frustriert in einem Salat und ihre hängenden  Mundwinkel schwiegen mit dem traurigen Blick im Duett. An ihren knochigen Händen erhoben sich die Adern blau und wulstig.
«Sind Sie ohne Begleitung eingeladen worden?»,  fragte sie zurückhaltend.
«Nein, ich bin in Begleitung, obwohl ich sie seit
einiger Zeit nicht sehen kann», antwortete er  verlegen.
Mit diesen Gedanken machte er sich auf die Suche  nach ihr. Er konnte sie nicht finden und lief ziellos bis an einen nahegelegenen, kleinen See.

Ein Stöhnen ließ ihn aufhören, als er sich gerade auf einer Bank niederlassen wollte. Wie im  Dämmerzustand lief er den Geräuschen nach. Seine Beine bewegten sich wie von fremder Hand gesteuert. Hinter hochgewachsenen Sträuchern sah er zuerst sie. Der Sohn des Gastgebers stand hinter ihr.
Das quittegelbe Kleid,
das sie sich für diesen Tag gestern kaufte, lag
neben ihnen. Das schwarze Haar klebte an ihren geröteten Wangen. Der
Mann hatte die Augen geschlossen und vögelte sie. 

Er tobte nicht. Er schrie nicht. Er machte ihr keine Szene. Lautlos drehte er sich um und lief langsam zurück. Seine Beine konnte er kaum noch fühlen. Seine eigenen Gedanken schlugen gegen seinen Kopf. Und immer wieder kamen diese Bilder. Wie in einem Film, bei dem man nicht auf Pause drücken konnte. Um ihn wurde es rot und schwarz, laut und still. Immer abwechselnd. Er fiel auf den Boden, stand wieder auf. Wollte zurückkehren. Doch nirgends konnte es so verdammt dunkel werden wie in der Nähe dieser …

Plötzlich wurde ihm klar, was diese Menschen alle taten. Sie betrogen sich selbst. Sie bewegten sich hinter einer verspiegelten Glasfassade voller Irritationen,  Verblendungen und Illusionen.

Mit selbstherrlich dargebotener Kleidung, verdammt teuren Autos und einer mühsam aufgebauten  Scheinwelt versuchen sie, ihrer Schattenwelt zu entkommen. Zurück an dem Tisch, an welchem er vorher neben der Frau stand, befand sich noch immer sein
Wasserglas. Er trank es in
einem Zug leer. «Ist Ihnen nicht gut?», fragte  die dünne Frau erschrocken und ihre Augen  musterten besorgt sein Gesicht. «Sie sind sehr blass, junger Mann!» «Ich muss
unbedingt nach Hause», flüsterte er langsam.
Als ob er taumelnd vor einer
Schlucht stünde, suchte er Halt am Stuhl. Seine Beine zitterten. Die Frau mit den knochigen Händen
rief ihm ein Taxi.

Der Geruch des frischen Holzes beruhigt ihn.
Die Schein-Heilige lässt er in die leeren Räume der Zeit fallen.

Dort gehört sie hin.

Auszug aus dem Manuskript „Zimmer 101“ –

Erzählungen und Kurzgeschichten aus dem MenschSein

Mein Roman „Ab 40 wird’s eng“ ist am 15.03.19 erschienen und kann u.a. hier bereits bestellt werden:

   

Nicht mehr da

Geliebter Narr, 

Du hast mir geschrieben.

Wir hätten keine Zeit mehr für Experimente. Aber für unsere Liebe bleibt noch Zeit.  Niemand kann uns sagen, wie lange wir noch miteinander haben.
Wir wissen nicht, wer zuerst um den anderen weinen muss.  Das ist gut so.  Es ist die Vergänglichkeit, der wir uns fügen müssen.

Eine Lilie blüht nicht ewig.  Ein Narr lacht nicht ewig.  Wie sie ist, diese neue Zeit?
Wie eine aufbrausende Woge im Meer und auf den Wellen schwimmt der Narr,
mit einer weißen Lilie in der Hand. Ich sehe, wie er sie festhält, damit er sie nicht in der Ungestümtheit der Woge verliert.

Du hast mir geschrieben.

Viel Vergangenes hat Frostspuren in uns hinterlassen, auch in Deinem Leben.
Du würdest gern heilen, was mir in den Jahrzehnten geschah.  Ich würde Dich gern auffangen und Dich auf meine immer noch bunte Wiese betten.

Das Vergangene, es war in unserem Frühling und in unserem Sommer.  Wir heilen, wenn wir uns im Herbst und Winter ein wärmendes Nest bauen. Ich bewege mich mit Dir im Rhythmus der Dichtung und der Wortfinderei.  Wie Kinder sitzen wir flüsternd im Baumgeäst unserer Träume. Liebe zieht still durch den Nebel hindurch.

Nicht nur jünger fühlt es sich gut und vollkommen. Vergangenes wird durch unsere Hände rieseln wie feiner Sand.  Und dann ist da noch der Mond.  Dort treffen wir uns, wenn die Zeit sich häutet.

Deine Lilie

„Zeitgeflechte“

Aus dem Manuskript «Zimmer 101»
Sylvia Kling

Ein ungleiches Paar

An einem kleinen Bahnsteig im deutschen Süden saß ein ungleiches
Paar. Zwei Männer, die irgendwie ein wenig wie übrig geblieben
wirkten, wie lebensgroße Überbleibsel einer unbegrenzten Zeit.

Der kleine und dünne Alte hielt einen Regenschirm, umfasste ihn
mit beiden Händen. Seine Stirn war in Falten gelegt, als trage
er eine Last. Sein Bart war weiß und lang wie seine Augenbrauen
und sein Blick war leer, als wäre er in einer endlosen Öde
eingefroren . Er wirkte hilflos, unwandelbar und welk. Auf seltsame
Weise hatten seine Augen etwas Sanftes, doch glaubensloses.

Dicht neben ihm saß ein Dicker mit riesigem Doppelkinn. In seinem
runden Bauch lag wohl der Wohlstand oder das Bier und das Essen der
Langeweile, der Eintönigkeit und Einsamkeit. Die wulstige Hand
umschloss eine hölzerne Krücke. Ein listiger Schalk im Gesicht
ließ mich anhalten, mich an einen Spitzbuben erinnern, der gerade
einen Streich ausheckt. Unhinderlich war sein Gewicht, welches
jähe Bewegungen unterband, für die Belichtung seines Gesichtes.
So, als würden noch immer Träume auf seinen rosigen Wangen springen,
ihm malerischen Glanz in seine blattgrünen Augen zaubern.

Ich wollte gern meine Gedanken weiter weben. Der dünne Mann könnte
Witwer sein, in einem freudlosen, düsteren Heim wohnen, mit einem
verwahrlosten Garten, der weder ein Danach noch ein Davor erkennen
ließ. Der Dicke könnte der Mutter sehr lange erlegen gewesen
sein und den Sprung in das Leben eines Mannes mit Bindungen durch
Liebe versäumt haben.

Wie viele Geschichten tragen sie? Sind sie frei von Ängsten und
Hoffen, frei von den Zwängen der Zeit, vielleicht nur auf das
Vergehende wartend?

Vielleicht haben sie kein Leid, keine Fragen mehr. Vielleicht sind
sie aus ihrem alten Leben herausgestürzt, um sich nicht der
Bitterkeit des Gedächtnisses auszuliefern? So sitzen sie hier,
sehen die Züge kommen und fahren, lauschen dem Widerhall des Lebens
nach und hängen ihre Blicke an Wege, die andere noch zu gehen
wagten.

Vielleicht hatte nur mein Bild zu ungeduldige Fragen und skizzierte
die Lebensmühen, umrandet von sinngerichteten Konturen.

Der eine breit wie ein Schrank, der andere dünn wie ein Pfahl.
Ich hätte zu gern von ihnen erfahren, was ihr Leben ihnen lehrte,
wie es sie stark oder schwach machte, wie es sie vergehen ließ,
bis zu diesem Tag an einem Bahnsteig im Süden des Landes.

Mein Zug fuhr ein.

Ihre Blicke schaukelten sich im Wind. Ich hob
meine Hand und winkte ihnen zaghaft. Der Dicke nickte mir unbeweglich
zu. Der Dünne schloss seine Augen.

Ich fuhr hinein in den Weltenüberdruss.

Auszug aus dem Manuskript „Zimmer 101“